Affäre Hildebrand: zum Kommentar von Markus Spillmann in der NZZ vom 14./15. Januar 2012

geschrieben am 15. Januar 2012 in der Kategorie Uncategorized

Die Selbstgerechtigkeit des Kommentators

Zum NZZ-Leitartikel vom 14./15. Januar 2012: Die Stunde der Selbstgerechten (Markus Spillmann)

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/kommentar_hildebrand_1.14318012.html

Für Journalisten gibt es handwerkliche Regeln. Eine lautet: Auch in Kommentaren trennt man Tatsachen und Meinungen formal voneinander. Eine andere heisst: Aussagen sind durch Tatsachen zu stützen. Markus Spillmann kritisiert in seinem Leitartikel das ethische und handwerkliche Ungenügen anderer Journalisten. Sein eigener Artikel ist jedoch diesbezüglich nicht sonderlich geglückt. Er schreibt von „zum falschen Zeitpunkt eine E-Mail zu viel.“ Tatsache: Es war im richtigen Zeitpunkt eine E-Mail zu wenig. Die Mail des Kundenberaters, welche zeigte, dass Hildebrand mit dem Dollarkauf seiner Frau ausdrücklich einverstanden war, wurde den von der Bundespräsidentin beauftragten Kontrollorganen und dem Bankrat  bewusst vorenthalten. Spillmann schreibt von einer „glänzenden Karriere“ Hildebrands. Hat die NZZ das recherchiert? Hat sie mit dem World Economic Forum, mit der Bank Vontobel, mit der Union Bancaire Privée gesprochen? Die Recherchen der Zeitschrift Bilanz (Nr. 01/2012) kommen zum Schluss, der von Hildebrand verschickte Lebenslauf bewege sich „auffällig oft am Limit“. Spillmann schreibt „Richtlinien [seien] nicht verletzt“. Hat er das Reglement gelesen und dessen Sinn verstanden? Spillmann vermittelt den Eindruck, Hildebrand habe die SNB aus eigenem Antrieb verlassen. In allen anderen Medien steht aber, der Bankrat habe ihm das Vertrauen entzogen. Spillmann schreibt, der Schweiz seien zu viele Spitzenleute (Ingenieure, Erfinder, tüchtige Wissenschafter etc.) „aus nichtigen Gründen verloren gegangen“. Die Analyse der Dozenten und Assistenten an ETH und Universitäten und der Führungsetagen der grossen Schweizer Firmen führt zum klaren Schluss: Die Schweiz ist klare Gewinnerin im „globalen Wettbewerb um Geist und Erfindertum.“ Man vermisst das sorgfältige journalistische Handwerk.

 



2 Kommentare »

  1. Sehr geehrter Prof. Geiger,

    für diesen Kommentar gebührt Ihnen Dank.

    Es ist die Stunde der Relativierer, darunter BR Ammann ( http://bazonline.ch/schweiz/standard/Man-muss-von-einer-Kampagne-sprechen/story/14750212 ), Altbundesrat Leuenberger ( http://bazonline.ch/schweiz/standard/Da-verkommt-der-Moralismus-zu-Heuchelei/story/16985600 ), Peter von Matt ( http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-Politiker-sind-suechtig-nach-Moral/story/26984522 ).

    Von Matt übrigens sollte vielleicht wieder mal Gotthelf lesen … “Aber das kömmt von der neuen Religion, wo jeder sein eigener Herr Gott ist, und von der neuen Politik, wo keiner ein anderes Vaterland kennt, als seinen Bauch oder seinen Geldsack, jeder säuft, so viel hinunter geht, und säuft er nicht, lügt, so viel hinauf mag.»

    Kurz, Herr Spillmann befindet sich in bester Empörer-Gesellschaft und möchte wohl die Fehlleistungen seines Blattes bei der Berichterstattung zur Affäre vergessen machen.

    Ein kluger Kommentar findet sich dafür hier, “Die Schweiz im Blocher-Krampf”: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-Schweiz-im-BlocherKrampf-/story/27866741

    Mit freundlichen Grüssen
    P. Bühler

    Kommentar by Bühler — 16. Januar 2012 @ 5:56

  2. Lieber Herr Bühler

    Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar, über den ich mich sehr freue. Den Tagi-Kommentar habe ich auch sehr genossen: Eine einfache Idee, sauber präsentiert. Und plötzlich versteht man die Sache.
    Besten Gruss
    Hans Geiger

    Kommentar by Hans Geiger — 17. Januar 2012 @ 9:44


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